Eine Portion Chemie, bitte!

Chemie im Essen? Bloß nicht! Chemie wird assoziiert mit künstlich, ungesund, giftig. Dabei funktioniert Essen ohne Chemie gar nicht. Unser ganzes Leben, unsere ganze Welt basiert auf chemischen Vorgängen. Warum ist dieser Begriff so negativ besetzt?

Schon in der Schule zählt Chemie nicht zu den beliebtesten Fächern. Und auch sonst begegnen wir Chemie eher skeptisch. So recht verstehen wir sie nicht, wir können sie nicht greifen und im Zweifel vermuten wir dahinter eher Böses, Giftiges. Es gibt eigentlich nur einen Zusammenhang, in dem das Wort Chemie etwas Positives ausdrückt, nämlich im zwischenmenschlichen Bereich. Wenn die Chemie stimmt. Da gibt es dann auch nicht mehr viel zu verstehen. Das fühlt man einfach. In diesem Moment wird Chemie auf eine schöne Weise spürbar, erlebbar. Nun kann man einwerfen, dass diese Art der Chemie ja auch nicht im Reagenzglas entstanden ist, sondern auf natürliche Weise. Sind Chemie und Natur also gar kein Widerspruch? Und ist natürliche Chemie dann gut und Chemie aus dem Reagenzglas böse? Fest steht: Die Natur schafft wundervolle, gesunde, lebensnotwendige Dinge. Genauso bringt sie aber auch gesundheitsschädliche, ja sogar tödliche, hochgiftige Stoffe hervor. Alles durch chemische Prozesse – die ganz ohne Labore, Reagenzgläser und Wissenschaftler ablaufen.

Die Natur der Chemie

Chemie ist eine Wissenschaft. Eine Naturwissenschaft. Sie beschäftigt sich mit dem Aufbau, den Eigenschaften und der Umwandlung von chemischen Stoffen. Die Unterscheidung in etwas Chemisches/Künstliches und etwas Natürliches ist genau genommen nicht machbar und vor allem die Gleichung Chemie = böse/ungesund und Natur = gut/gesund geht nicht auf. Dafür bringt die Natur selbst zu viele schädliche Stoffe hervor und dafür kommt zu viel Gutes aus dem Reagenzglas. Natürlich auf beiden Seiten nicht nur. Aber hier muss man genau hinschauen und sich informieren, bevor man etwas pauschal als ungesunde Chemie abstempelt. Besonders kritisch wird Chemie im Zusammenhang mit Lebensmitteln gesehen. Dabei ist sie gerade der Grund dafür, dass unsere Lebensmittel so sicher sind wie noch nie. Und: Auch eine frisch geerntete Tomate steckt schon von Natur aus voller Chemie. Essen ohne Chemie geht also gar nicht. Lebensmittel verarbeiten und kochen noch weniger.

Schein und Sein

Würde man eine Tomate so deklarieren, wie es bei verarbeiteten Lebensmitteln getan wird, wäre auf ihrer „Zutatenliste“ Folgendes aufgeführt: Wasser, Zucker, Füllstoff Cellulose, Geschmacksverstärker Natriumglutamat, Farbstoffe E160a, E160d, E101, Geliermittel Pektin, Antioxidationsmittel E300, Säuerungsmittel E296, E330, natürliche Aromastoffe. All diese „Zusatzstoffe“ sind also Stoffe, die die Natur von sich aus bildet, unter anderem handelt es sich dabei um nichts anderes als Vitamine. Selbstverständlich sind nicht alle Zusatzstoffe natürlichen Ursprungs, manche werden auch synthetisch hergestellt. EU-weit sind rund 320 Zusatzstoffe zugelassen. Dabei gilt das „Verbotsprinzip mit Erlaubnisvorbehalt“. Es muss also erst nachgewiesen werden, dass keine Gesundheitsrisiken bestehen, erst dann wird der Stoff zugelassen. Zudem muss der Zusatzstoff technologisch notwendig sein und darf nicht zu einer Täuschung des Verbrauchers führen.

Dennoch wecken lange und kompliziert klingende Zutatenlisten zunehmend die Skepsis der Verbraucher, und weil Chemie eben den schlechten Ruf weg hat, gehen Produzenten nach und nach dazu über, anders und möglichst verständlich zu deklarieren. Das scheint leichter, als wenig fruchtende Aufklärungsarbeit über die Unbedenklichkeit von Zusatzstoffen zu leisten. Denn auch Wasser könnte man mit Dihydrogenmonoxid angeben, das wäre nur nicht sehr verkaufsfördernd. Es wäre aber immer noch Wasser. So können Namen positive und negative Assoziationen wecken, dahinter bleibt aber ein und derselbe Stoff. Wichtiger als die Bezeichnung eines Inhaltsstoffes ist das Wissen, worum es sich handelt, und warum genau etwas bedenklich oder unbedenklich ist. Und hier kommt wieder die Chemie ins Spiel.

Faszination Chemie

Im Gegensatz zu anderen Wissenschaften ist die Chemie ein bisschen schwerfällig dabei, etwas zur Ehrenrettung ihrer Disziplin zu unternehmen. Zwar finden sich vor allem online zahlreiche Plädoyers gegen die Verunglimpfung und negative Konnotation der Chemie, doch wirklich verändert hat das in den Köpfen der Menschen bislang wenig. Hoffnungsvoll stimmt jedoch Mai Thi Nguyen-Kim und ihr YouTube-Kanal maiLab , in dem die Chemikerin über ihren Beruf und ihre Liebe zur Chemie berichtet. Über eine halbe Million Abonnenten zeigen: Das Interesse am Thema ist da, man muss es nur richtig vermitteln. Mit genug wissenschaftlich fundierter, objektiver, aber unterhaltsamer Aufklärung gelingt es der Chemie vielleicht irgendwann, ihren negativen Beigeschmack loszuwerden und als das erkannt zu werden, was sie ist: etwas hoch Faszinierendes, das unser Leben auf unzählige Weise bereichert.

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