Die Zukunft der Ernährung: Ein Konzept bahnt sich den Weg

Susanne Köhler, Projektmanagerin / Kommunikationsmanagement, Schwerpunkt Ernährungswirtschaft, foodRegio e.V., Lübeck

Während die Politik noch über Lebensmittelampeln diskutiert, bahnt sich ein Konzept den Weg, das die etablierten Ernährungsempfehlungen obsolet machen könnte: die Personalisierte Ernährung. Die Wissenschaft weiß heute, wie individuell unser Stoffwechsel Nahrung verarbeitet. Doch während die Wissenschaft bereits dieses „Know“ liefert, steckt das „How“ in der Branche noch in den Kinderschuhen. Die größte Herausforderung ist, die Personalisierte Ernährung mit praktischen Analysetools und innovativen Produkten alltagstauglich zu machen – das zentrale Thema bei NEWTRITION X. Innovationsgipfel Personalisierte Ernährung in Lübeck.

Noch bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts hinein war gesunde Ernährung kein Thema, das die Welt bewegte. Mit dem stetig wachsenden Wohlstand in den Industrieländern und der damit verbundenen steigenden Kalorienzufuhr zeigten sich allmählich auch die Schattenseiten des Überflusses, wie beispielsweise ernährungsmitbedingte Krankheiten. Heute ist sich der Verbraucher zunehmend bewusst, dass das, was er isst, seine Gesundheit ganz unmittelbar beeinflusst.

Menschen sind verschieden, ihr Speiseplan auch

Gesunde Ernährung für einen gesunden Körper: Mit diesem Ziel landeten jedes Jahrzehnt neue Ernährungskonzepte auf dem Tisch der Verbraucher. So waren in den 1970erJahren Rohkost und Vollkorn hochaktuell, danach rückte Cholesterin in den Mittelpunkt des Interesses. Momentan stehen Low-Carb- und Low-GI-Diäten hoch im Kurs; weitere aktuelle Trends sind Superfoods, Veganismus oder Paleo, selbst wenn deren gesundheitliche Vorteile teilweise höchst umstritten sind. Auch der Konsum von „Free From“-Produkten boomt: Alternative Lebensmittel für Menschen mit Allergien und Intoleranzen haben längst ihr Nischendasein verlassen und sind Mainstream geworden – auch für jene Verbraucher, die gar nicht unter Lebensmittelunverträglichkeiten leiden.

Feste Säulen in diesem unübersichtlichen Markt sind die Empfehlungen offizieller Organe wie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, der British Nutrition Foundation oder dem Office of Disease Prevention and Health Promotion in den USA. Doch auch diese Säulen wackeln. Joana Maricato, Head of Market Research bei New Nutrition Business und Rednerin bei NEWTRITION X., erklärt dazu „Es überrascht nicht, dass Verbraucher den Eindruck haben, dass sich Ernährungsrichtlinien des Öfteren um 180 Grad drehen. So gelten heutzutage Eier als wichtige Lieferanten von Protein und anderen Nährstoffen. Noch vor 20 Jahren wurden Eier von Ernährungswissenschaftlern fast verbannt. Heute durchforsten Menschen das Internet und stellen ihren eigenen, ganz individuellen Ernährungsplan zusammen.“ Die digitale Welt hat den Umgang mit Ernährungsempfehlungen verändert: Man sucht in sozialen Netzwerken nach Anschluss und Gleichgesinnten, um herauszufinden, welche Lebensmittel einem gut tun und welche nicht.

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Angetrieben wird das Konzept der Personalisierten Ernährung vor allem durch die Wissenschaft. Inzwischen setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass hauptsächlich das Mikrobiom des Darms verantwortlich dafür ist, dass Menschen die gleichen Nährstoffe unterschiedlich verstoffwechseln. Die Zahl der Studien zum Mikrobiom stieg von nur zwei im Jahr 2002 auf mehr als 2.000 im Jahr 2017.

Das Mikrobiom: (fast) so individuell wie ein Fingerabdruck

Zuerst nahm man an, dass die Gene und insbesondere die sogenannten Polymorphismen, also die Abweichungen in der menschlichen DNA, dafür verantwortlich sind, dass unsere Stoffwechselprozesse so individuell sind. Nun aber liegt der Fokus auf den Darmbakterien. Prof. Christian Sina, der dieses Gebiet an der Universität zu Lübeck erforscht, erklärt: „Gene allein liefern nur begrenzte Informationen über das individuelle Stoffwechselverhalten. Der Schlüssel ist das Darmmikrobiom. Indem wir dieses analysieren, können wir vorhersagen, wie Menschen auf bestimmte Nahrungsmittel reagieren und sie verstoffwechseln.“

Eine im Jahr 2016 am Weizmann Institute of Science, Israel, durchgeführte Studie hat den festen Glauben erschüttert, dass zu viel Fett, zu viel Zucker und zu wenig Bewegung ursächlich sind für Fettleibigkeit. Ziel der Studie war es, herauszufinden, warum die meisten übergewichtigen Menschen nach einem diätbasierten Gewichtsverlust immer wieder zunehmen. Als Ursache für den besagten Jo-Jo-Effekt identifizierten die Forscher das Mikrobiom mit einer bestimmten Zusammensetzung. Wurde dieses in keimfreie Mäuse transplantiert, so zeigten die Tiere eine signifikante Gewichtszunahme im Vergleich zu anderen Mäusen, obwohl beide Gruppen die gleiche Nahrung bekommen hatten.

Im vergangenen Jahr untersuchten die gleichen Wissenschaftler in einer randomisierten Crossover-Studie die Blutzuckerreaktion der Testpersonen auf Vollkornbrot, Weißbrot und Kekse. Die Forscher konnten die etablierte Lehrmeinung nicht bestätigen, wonach Vollkornbrot grundsätzlich eine geringere glykämische Wirkung hat, während der Verzehr von Weißbrot den Blutzuckerspiegel in die Höhe treibt. Im Gegenteil: Bei einigen Probanden stieg der Glukosespiegel nach dem Verzehr von Weißbrot nur geringfügig an, während Vollkornbrot den Blutzuckerspiegel rasant in die Höhe trieb. Anhand des Darmmikrobioms entwickelte die Forschergruppe einen Algorithmus, mit dem sie die individuellen Reaktionen auf bestimmte Nahrungsmittel vorhersagen konnte.

Food4Me, ein EU-finanziertes, gemeinsames Forschungsprojekt verschiedener europäischer Universitäten, befasst sich seit 2011 mit dem Thema Personalisierte Ernährung. Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen untersuchen, wie die Verbraucher dem Konzept gegenüberstehen und wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Praxis umgesetzt werden können.

Ein möglicher Ansatz besteht darin, auf der Grundlage des Darmmikrobioms verschiedene Stoffwechseltypen zu definieren. Mithilfe von Stuhl- und Bluttests sowie einer Langzeit-Blutzuckerkontrolle hat Prof. Christian Sina ein sogenanntes Nutritypen-Modell entwickelt. „Wir gehen von mindestens drei unterschiedlichen Stoffwechseltypen aus, die unter anderem aufgrund eines ähnlichen Darmmikrobioms Nahrung ähnlich verstoffwechseln. Beispielsweise weisen Personen mit dem fiktiven Nutrityp A einen besonders starken Anstieg der Blutglukose unter Vollkornbrot auf, während ihre Blutzuckerreaktion nach dem Genuss von Haferflocken nur moderat ausfällt. Bei einem fiktiven Nutrityp B würde es sich genau umgekehrt verhalten“, erklärt er. Mit dem Nutritypen-Modell könne die Lebensmittelindustrie die Personalisierte Ernährung schnell und effizient in ihre Anwendungen integrieren und ihren Kunden entsprechende Lösungen anbieten. Im Rahmen des Innovationsgipfels Personalisierte Ernährung NEWTRITION X. stellt der Mediziner seine ersten Resultate vor: „Dank intensiver Forschungstätigkeit haben Lebensmittelunternehmen nun das Werkzeug in der Hand, die Personalisierte Ernährung zu einem marktfähigen Konzept zu machen. Der Wunsch nach Selbstoptimierung wird bei den Verbrauchern für die entsprechende Nachfrage sorgen. Entscheidend ist nun, dass die Unternehmen den Zug nicht verpassen.“

Von der Vision zum fertigen Produkt

Als junger Markt hat die Personalisierte Ernährung enormes Potenzial, und das Ziel ist klar definiert: Die Analyse von Biomarkern, Genom und Mikrobiom liefern messbare Richtwerte für eine individuelle gesunde Ernährung, um Wohlstandskrankheiten vorzubeugen. Wie dieser Markt am besten erschlossen werden kann, steht noch nicht fest. Sicher ist jedoch, dass die Lebensmittelindustrie umdenken muss – fort von kostengünstigen Produkten für einen Massenmarkt. Diverse Start-ups haben dank innovativer Lösungen bereits in verschiedenen Marktsegmenten Fuß gefasst. Ihr Portfolio reicht von Fitness-Trackern und Wellness-Apps mit maßgeschneiderten Ernährungsempfehlungen, die auf Körpergröße, Gewicht und Fitness basieren, bis hin zu Anbietern von Genanalyse-Tools wie DNAfit und Mikrobiom-Analysen wie DayTwo aus Israel oder MillionFriends aus Deutschland.

Auch die Big Player sehen in der Personalisierten Ernährung einen Markt der Zukunft. So hat die Campbell’s Soup Company mit einer Investition von 32 Millionen Dollar in das Start-up-Unternehmen Habit einen Claim in diesem Markt abgesteckt, während Nestlé, der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern, unter Peter Brabeck-Letmathe 2011 Nestlé Health Science gründete. Basierend auf aktuellen Erkenntnissen der Nutrigenomik und Mikrobiomforschung soll Nestlé Health Science individuelle Ernährungsstrategien gegen ernährungsmitbedingte Krankheiten entwickeln.

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Peter Brabeck-Letmathe, der bis April 2017 Nestlé-Präsident war, ist einer der weltweit engagiertesten Verfechter der Personalisierten Ernährung. In seinem Buch Ernährung für ein besseres Leben sieht er das Konzept als Motor für die Branche: „Das Thema Gesundheit wird in den kommenden Jahrzehnten eine Innovationswelle in der Nahrungsmittelindustrie auslösen. Sie wird mit ihrer Spitzentechnologie eine entscheidende Rolle bei der Verbesserung der Gesundheit ganzer Bevölkerungsgruppen spielen. Bei dieser auf Wissenschaft basierenden personalisierten Gesundheitsernährung geht es in Zukunft darum, effiziente und kostengünstige Wege zu finden, um akuten und chronischen Krankheiten des 21. Jahrhunderts vorzubeugen und sie zu behandeln.”

Vielleicht sind es am Ende doch die großen Konzerne, die das nötige Kapital besitzen, um in personalisierte Ernährungskonzepte zu investieren. Unklar ist auch weiterhin, wie Handel und Logistik diese umsetzen können – und ob bzw. welchen Platz die Personalisierte Ernährung in den Supermarktregalen finden wird. Joana Maricato sieht die Entwicklung des Konzepts als „trial-and-error“-Experiment: „Die Personalisierte Ernährung steckt noch in den Kinderschuhen und ihr Potenzial für die Lebensmittelindustrie können wir nur erahnen.“

Zusammenfassung

Noch scheint die Personalisierte Ernährung ein Konzept der Zukunft zu sein. Erst seit etwa 15 Jahren befasst sich die Forschung näher mit dem menschlichen Mikrobiom und die Ergebnisse sind ebenso erstaunlich wie überzeugend. Bis diese allerdings den Weg in die etablierten Ernährungsrichtlinien und damit auch in den Alltag der Menschen finden, wird es dauern: Zeit, die die Lebensmittelindustrie nutzen sollte, um die wissenschaftlichen Erkenntnisse in innovative Produkte umzusetzen. Einige vielversprechende Ansätze und Produkte geben bereits die Richtung vor. Sie nutzen das wachsende Interesse der Verbraucher, Gesundheit und Wohlbefinden in die eigenen Hände zu nehmen und bieten entsprechende Lösungen an.

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NEWTRITION X. – Innovationsgipfel Personalisierte Ernährung

Am 12. September 2018 lädt das Branchennetzwerk foodRegio e.V. Entscheider aus Lebensmittelindustrie und Handel zu einem eintägigen Symposium in das Veranstaltungszentrum media docks in Lübeck ein. Ziel des internationalen Innovationsgipfels NEWTRITION X. ist es, Entscheidungsträger aus Lebensmittelindustrie, Wirtschaft und Handel umfassend über den aktuellen Stand der Forschung und über die Chancen und Möglichkeiten der Personalisierten Ernährung zu informieren. Experten aus Medizin und Wissenschaft, Lebensmittelindustrie und Marktforschung erläutern die Erwartungen der Verbraucher und Marktpotenziale und stellen Konzepte sowie Technologien vor, mit denen die Personalisierte Ernährung in die Praxis umgesetzt werden kann. Peter Brabeck-Letmathe eröffnet den Kongress als Keynote-Speaker. Weitere Referenten sind neben Prof. Dr. med. Christian Sina und Joana Maricato unter anderem Prof. Dr. Karsten Kristiansen (Molekularbiologe, Universität Kopenhagen), Dominik Burziwoda (Gründer und CEO, Perfood GmbH/MillionFriends), Rudi Schmidt (Konzernbereichsleiter Precision Medicine, Asklepios Kliniken) und Michael Gusko (Managing Director, GoodMills Innovation).

Anmeldung und weitere Informationen: www.foodregio.de/NEWTRITIONX

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